Baltic Peripeties Blog

Landschaftserzählungen: Ålands Natur als Protagonistin

Peripeties in Pictures

© Sascha Zachhuber

Dieser Text entstand im Rahmen einer Kooperation der DFG-geförderten International Research Training Group „Baltic Peripeties. Narratives of Reformations, Revolutions and Catastrophes“ mit dem Festival Nordischer Klang zur Ausstellung „Å wie Åland“ des Fotografen Sascha Zachhuber in der Stadtbibliothek Greifswald, 13. Mai bis 28. September 2022.

Im Fokus von Sascha Zachhubers Arbeit stehen vor allem die åländische Landschaft und Natur – nicht als leere, unbewegliche Kulisse oder statischer Hintergrund menschlichen Handelns, sondern als Protagonistinnen seines fotografischen Erzählens. Während sich die Bewohner:innen des Archipels in den gezeigten Gebäuden, Straßen und Schiffen nur erahnen lassen, sind es in vielen Aufnahmen die natürlichen Komponenten, die der Fotograf als Handlungsträger in den Blick rückt: Sonne und Mond erhellen und färben die Szenen, das Wasser spiegelt die umliegenden Felsen, Häuser und Boote; der Wind bewegt Bäume und Wolken, das Meer und die Flagge Ålands. Der Platz und die Wirkmacht, die der menschenleeren Landschaft in den ausgestellten Fotos zugestanden werden, erscheinen geradezu sinnbildlich für die weitreichende Loslösung von globalen politischen Akteur:innen und Interessen des heute autonomen und entmilitarisierten Archipels.

© Sascha Zachhuber

Versteht man die Natur in den ausgestellten Landschaftsfotografien als Protagonistin, die eigenständig wirkt und Veränderung erzeugt, bekommt auch das einzelne Bild erzählerisches Potenzial. Die in Einzelaufnahmen fixierten Momente werden vor allem durch das Wissen um die eigentliche Dynamik wertvoll, um das Davor und Danach, aus dem sie zum gerade günstigen Zeitpunkt fotografisch herausgelöst wurden. Viele der Bilder zeigen flüchtige, unverwechselbare Wolkenformationen und Lichtverhältnisse, die der Wind und die unter- oder aufgehende Sonne stetig verändern. Dynamisch erscheinen insbesondere auch jene Aufnahmen, die den Augenblick unmittelbar vor kleinen Wendepunkten festhalten: kurz bevor die Sonne vollkommen verschwindet, schwere Regenwolken sich entladen oder die Sternschnuppe vollständig verglüht.

© Sascha Zachhuber
© Sascha Zachhuber
© Sascha Zachhuber

Indem die Betrachtenden diese mit ihrem Weltwissen antizipieren, und auch vorausgegangene Momente rekonstruieren, binden sie das Gesehene in eine umfassendere Geschichte ein und tragen so entscheidend zum fotografischen Erzählen bei. Den Interpretationsrahmen für die Landschaftserzählungen Ålands gibt der Fotograf durch die Wahl der für ihn erzählenswerten Motive, festgehaltenen Momente und Bildausschnitte vor. Zugleich aber ist es immer auch das Wissen darum, dass sich die Natur mit ihren eigenen Kompositionen nie ganz in Erzählungen fassen lässt und zu einem gewissen Grad unverfügbar bleibt, von dem die Faszination von Landschaftsaufnahmen ausgeht.

Es ist nur allzu passend, dass Sascha Zachhubers Ålandfotografien nun in Greifswald, der Heimatstadt Caspar David Friedrichs, zu sehen sind. Landschaft und Natur sind kaum jemals stärker als eigenständige Protagonistinnen gezeigt worden als im Malen und Erzählen der Romantik; einer Epoche, aus deren späten Jahren auch die ersten fotografischen Aufnahmen stammen.

© Sascha Zachhuber
Literatur
  • Kelsey, Robert, “Is Landscape Photography?,” in Is Landscape…? Essays on the Identity of Landscape, hrsg. von Charles Waldheim und Gareth Doherty. New York: Routledge, 2016, S. 71-92.
  • Rosa, Hartmut. Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehung. Berlin: Suhrkamp, 2019.
  • Scott Olsen, W. “Single Frame Narrative Photography. An Essay,” in Lens Culture (o.J.). www.lensculture.com.
  • Sontag, Susan. On Photography. New York: RosettaBooks, 2005 [1973].
  • Tetzlaff, Stefan. Heterotopie als Textverfahren. Erzählter Raum in Romantik und Realismus. Berlin/Boston: De Gruyter, 2016.
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