Über uns

„Ostsee-Peripetien. Erzählungen von Reformationen, Revolutionen und Katastrophen“ ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördertes Internationales Graduiertenkolleg an drei Universitäten des Ostseeraums – Greifswald, Tartu und Trondheim (Laufzeit 2021–2030).

Forschungsansatz

Das Internationale Graduiertenkolleg 2560 (IGK) nutzt den Begriff der Peripetie, um die Aufmerksamkeit auf die Wahrnehmung des Ostseeraums durch Erzählungen und die narrative Konstruktion von Ereignissen zu lenken. Der Begriff wurde erstmals in Aristoteles’ Poetik verwendet, wo sich “peripeteia” auf den Wendepunkt in einer Tragödie bezieht, auf das Ereignis, das deutlich macht, dass das, was erwartet wurde, anders (oder nicht) eintreten wird. Das IGK erweitert das Konzept zu einem Sammelbegriff für verschiedene Arten von Wendepunkten, radikalen Veränderungen und Umbrüchen. Im Zuge des Zusammenbruchs des langjährig etablierten “master narratives”, das den Ostseeraum als Modellregion für internationale Zusammenarbeit und politische Stabilität darstellte, haben die jüngsten drastischen Ereignisse und die damit einhergehende Anhäufung von Peripetien in Krisen-, Wandel- und Transformationsnarrativen die Region zu einem dynamischen Zentrum komplexer Debatten gemacht. Der Umgang mit dem historische Erbe und langfristige Transformationen sind zu drängenden gesellschaftlichen Themen geworden, die analysiert werden müssen, aber mit herkömmlichen Ansätzen nur schwer zu verstehen sind.

Das IGK hat in der ersten Förderphase (2021–2025) gezeigt, dass das Konzept der Peripetie besonders produktiv ist, wenn Peripetie nicht nur als einzelnes Ereignis, sondern als eine von Brüchen gekennzeichnete, relationale und dynamische Zone des Wandels verstanden wird. Dementsprechend ist die Arbeit des IGK in der zweiten Förderphase (2025–2030) durch einen Forschungsrahmen strukturiert, in dem wir untersuchen, A) wie Erwartungshorizonte stillschweigend oder offen auseinanderbrechen, B) wie sich die Eskalation von Konflikten und Krisen allmählich entwickelt und C) wie umstrittene und widersprüchliche Narrative das prägen, was überhaupt als Ereignis oder Peripetie verstanden werden kann. Angesichts der weitreichenden Auswirkungen aktueller Krisen und Konflikte und ihrer Vorgeschichte berücksichtigt das IGK dabei für die Analyse regionaler Spezifizität transregionale Verflechtungen ebenso wie körperliche und biografische Resonanzen.

Durch die Integration der für die Ostseeraum-Forschung relevanten Philologien, der Geschichtswissenschaft, Philosophie und Politikwissenschaft in ein internationales Netzwerk, das die beteiligten Disziplinen stärken und ergänzen kann, bietet das IGK ein einzigartiges Forschungs- und Qualifizierungsprogramm für Doktorand*innen und Postdoktorand*innen, das einen innovativen Zugang zur Ostseeraum-Forschung ermöglicht. Indem es die Frage nach der narrativen Konstitution des Ostseeraums aufwirft, ermöglicht das Programm theoretische und methodische Innovationen durch die Adaption des Peripetie-Konzepts als Instrument für (trans-)regionale Studien wie für materialbasierte Forschung und Methodik in den Bereichen Narratologie und Diskursanalyse.

Qualifizierungsprogramm

Promovierende des Internationalen Graduiertenkollegs profitieren von der fachlichen Expertise und engen Zusammenarbeit der drei beteiligten Universitäten sowie regelmäßig stattfindenden Seminaren und Kolloquien. Das Qualifizierungsprogramm trägt dazu bei, vertieftes Fachwissen über den Ostseeraum, seine Geschichte und aktuelle Forschungsdebatten zu erlangen sowie maßgeschneiderte methodische Instrumente, wie z.B. narratologische Forschungsansätze, anzuwenden. Workshops zum akademischen Schreiben und speziellen Schlüsselqualifikationen vermitteln wichtige überfachliche Kompetenzen für die erfolgreiche Fertigstellung der Dissertationen sowie für den Austausch mit der internationalen Forschungsgemeinschaft und der Öffentlichkeit.