Über uns

„Ostsee-Peripetien. Erzählungen von Reformationen, Revolutionen und Katastrophen“ ist ein von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) zunächst bis September 2025 gefördertes Internationales Graduiertenkolleg an drei Universitäten des Ostseeraums – Greifswald, Tartu und Trondheim. In einem interdisziplinären Verbund, in dem unter anderem die Fächer Geschichte, Literaturwissenschaft, Baltistik, Slawistik, Philosophie, Skandinavistik und Fennistik, Internationale Beziehungen, Film- und Medienwissenschaften vertreten sind, untersuchen 16 Doktorandinnen und Doktoranden aus acht Ländern sowie knapp 20 beteiligte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler narrative Konstruktionen von Ereignissen, Umbrüchen und Wendepunkten im Ostseeraum mit Hilfe des Konzeptes „Peripetie”.

Forschungsansatz

Der Begriff „Peripetie“ bezeichnet in den Geistes- und Sozialwissenschaften eine Kategorie der narrativen Sinnbildung. Er wird erstmals in Aristoteles‘ Poetik verwendet und beschreibt den Wendepunkt in einer Geschichte: das Ereignis also, in dem deutlich wird, dass das, was in der Welt der Erzählung erwartet wird, anders als zunächst erwartet eintreten wird. Als neutraler Sammelbegriff für Wendepunkte aller Art, für Revolutionen, Reformationen, Katastrophen, dramatische Ereignisse oder tipping points, birgt er ein beträchtliches analytisches Potenzial. Für diesen neuen Ansatz stellt der Ostseeraum mit seinen vielschichtigen historischen Zäsuren ein äußerst reichhaltiges Forschungsgebiet dar.

Dem Forschungsvorhaben geht es weniger um eine Wiederbelebung der Ereignisgeschichte, als um die Hinwendung zum flexibleren Forschungsansatz des narrative turn, der das Erzählen für die Aneignung der Welt durch den Menschen versteht. Sowohl fiktionale als auch faktuale Texte produzieren Sinn durch das Herauslösen eines einzelnen Ereignisses aus einem Strom von Geschehnissen. Diese Umwertung eines Geschehnisses zu einem Ereignis mit Wendecharakter bildet das Zentrum eines plots mit einem definitiven Anfang („Was führt zu dem Ereignis?“) und einem definitiven Ende („Welche Konsequenzen hat das Ereignis?“), wodurch Zeit und Raum in sinnvoller Weise segmentiert werden. Die Wahl der Peripetie beeinflusst deshalb unsere Wahrnehmung von Welt und unsere Argumentation, wie in dieser Welt zu handeln sei. Die Peripetie prägt je nach Konstruktion politische Überzeugungen und soziales Handeln, wirtschaftliche Entscheidungen, ökologische und kulturelle Bedeutungsrahmen, usw. Die Peripetie ist der Schlüssel zur Herstellung von Sinnhaftigkeit und zur Erfahrbarkeit der Welt.

Auf dieser methodologischen Basis untersucht das Graduiertenkolleg den Ostseeraum auf seine narrative Konstitution hin: Welche historisch relevant gewordenen Peripetien bestimmten und bestimmen die Wahrnehmung des Ostseeraums? Wie kann man ihre Wirkmächtigkeit auf die soziale, kulturelle, politische, ökologische und ökonomische Gegenwart und Zukunft des Ostseeraums beschreiben? Existieren verschiedene Peripetien mit je eigenen Effekten nebeneinander? Falls ja, interagieren sie, stehen sie in Konkurrenz zueinander, oder schließen sie sich aus? Und wie muss man das narratologische Konzept „Peripetie“ weiterentwickeln, um es für Regionalstudien fruchtbar zu machen?

Qualifizierungsprogramm

Promovierende des Internationalen Graduiertenkollegs profitieren von der fachlichen Expertise und engen Zusammenarbeit der drei beteiligten Universitäten sowie regelmäßig stattfindenden Seminaren und Kolloquien. Das Qualifizierungsprogramm trägt dazu bei, vertieftes Fachwissen über den Ostseeraum, seine Geschichte und aktuelle Forschungsdebatten zu erlangen sowie maßgeschneiderte methodische Instrumente, wie z.B. narratologische Forschungsansätze, anzuwenden. Workshops zum akademischen Schreiben und speziellen Schlüsselqualifikationen vermitteln wichtige überfachliche Kompetenzen für die erfolgreiche Fertigstellung der Dissertationen sowie für den Austausch mit der internationalen Forschungsgemeinschaft und der Öffentlichkeit.

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